von huren & vätern. recherchen.
Woher nimmst du das mit der Prostituierten im LANDEPLATZ DER ENGEL? Wie kommst du in den Kopf eines Jungen mit Tourette? Sind Sie selbst betroffen? Ist Fabian Ihr Sohn? Fragen, die mir oft gestellt werden.
Schreiben erfordert Recherchen, mal mehr, mal weniger. Die ersten Schritte der Annäherung an das Thema Tourette waren natürlich Erfahrungsberichte von Betroffenen, auch Fachliteratur, Bücher, hier und da ein Fernsehbericht. Es war zwar nicht ganz einfach persönliche Kontakte herzustellen, zumal ich gerne jüngere Leute mit Tourette treffen wollte. Mit etwas Mühe habe ich mich dann zu Betroffenen „vorgekämpft“, schon vor Jahren. Mit Mühe, weil sie oft von den Eltern „abgeschirmt“ wurden gegenüber allem, was nach Medien roch. Die Offenheit ist da heute etwas gewachsen, weil sich einfach mehr Menschen für das Thema interessieren und auch die seriöse Berichterstattung zunimmt (ist mein Eindruck…?).
Mein erster Versuch einen Jungen, Domenique, hier in Köln zu treffen, scheiterte in letzter Minute. Als es zwei Jahre später zu einem Treffen kam, sagte mir seine Mutter: “Wir waren einfach noch nicht so weit!” Das hat mich sehr beeindruckt. Die Tatsache selbst, dass es gar nicht so einfach ist, sich zu öffnen, wenn die Familie mit einer solchen “Besonderheit” wie Tourette konfrontiert ist, und auch die Offenheit, später mit mir so darüber zu sprechen.
Die Geschichte von Domenique war im weiteren Verlauf faszinierend und schön. Ich konnte eine befreundete Fernsehjournalistin für das Thema interessieren, sie drehte zunächst einen kurzen Bericht für das ZDF-Kinderprogramm, dann eine 45-minütige “hautnah”-Doku für den WDR. Dafür erhielt sie den Kölner Medienpreis. Domeniques Leben hat dies sehr verändert, darüber später einen Artikel!
Ein Roman kann sehr unterschiedliche Recherchen erfordern. Manchmal kommt es darauf an, sehr genau zu sein, sich in ein Thema, ein Fachgebiet tief einzuarbeiten. Ein anderes Mal kommt es mehr darauf an, das soziale Umfeld einer Figur zu kennen oder einfach Details zu finden, die eine Sache authentisch und glaubwürdig machen.
Am “Landeplatz der Engel” wurden schon klischeehafte Darstellungen kritisiert. Fabians Vater sei zu holzschnittartig, ein Typus, keine Person. Die Mutter eines betroffenen Jungen schrieb mir: “Ich konnte nicht weiterlesen. so sehr wurde ich an meinen Mann erinnert, meinen Ex-Mann. Ich konnte die Kälte, mit der er unseren Jungen behandelt hat, nicht mehr ertragen.”
“Chantal” (die Prostituierte, die Mirco aufgezogen hat) ist ein ähnliches Thema. Prostituition sieht heute sehr unterschiedlich aus. Die kurze beschriebene Facette ist eine von vielen, vor allem aber ist sie – wahr. Ich habe in den 80er Jahren für die Aids-Hilfe gearbeitet. Wir hatten einige sehr engagierte Prostituierte, die in der ehrenamtlichen Huren-Beratung arbeiteten. Besonders eine Frau faszinierte mich, weil sie genau diese Mischung aus “Milieu” und “Biederkeit” und übrigens einen Schrebergarten hatte, den ordentlichsten, den ich je gesehen habe. Wir haben uns manchen Abend sehr über ihre Storys aus dem Arbeitsleben amüsiert, auch über die etwas eigene Geschichte mit dem Kunden, der zur “Teatime” kam. Er nahm den “Tee” in einer Wärmekanne mit und rief dann später bei ihr an. Ein bisschen künstlerische Freiheit muss der Autor schon haben!
